In der Zeit als Berge zu Tale donnerten und ganze Dörfer begruben, war der kleine Drache, welcher von der Frau in die Welt gesungen worden war, davongeflogen. Er kam lange nicht mehr zurück. Die Frau vermisste ihn und dachte oft daran, wo er wäre und was er machen würde. Wenn sie mit ihrem weissen Hund auf einem Spaziergang war, hielt sie Ausschau nach ihm, aber nichts zeigte sich. Der Bergdrachen, dessen Hüterin die Frau war, sehnte sich ebenso nach dem kleinen Drachen, doch dieser wollte nicht erscheinen. 

Eines Tages sass die Frau gegenüber der kleinen Pyramide, aus welcher der Drache geschlüpft war. Sie fragte sich einmal mehr, was für Geheimnisse in dieser Pyramide stecken würden, als sie eine starke Präsenz wahrnahm. Sie wusste sofort, das war der kleine Drache. Sehen konnte sie ihn nicht, aber sie spürte seine warme und liebevolle Anwesenheit. Sie freute sich innerlich und wartete darauf, dass er sich zeigen würde. 

Es dauerte drei Wochen. Kurz vor Sommersonnenwende stand er plötzlich neben ihr und schubste sie sanft mit seiner Nase an der Schulter. Der weisse Hund erschrak nicht, sondern schien die Gegenwart des Drachens als selbstverständlich hinzunehmen. Sie drehte sich um und ihr Herz machte einen Sprung. 

«Da bist du ja», rief sie freudig und warf ihre Arme um seinen Hals, «Ich habe dich wahrlich vermisst, lieber Drache. Ich freue mich so, dass du in unser Tal zurückgekehrt bist. Wo warst du und wie ist es dir ergangen? Was hast du erlebt und was kann ich für dich tun?» 
Der Drache lächelte sie an und setzte sich neben sie. Er war gewachsen und jetzt nicht mehr blau, sondern eher zartrosa. Er war vielleicht 3m lang und 2m hoch und schien ein typischer Drache in der Pubertät zu sein. 

«Geliebte ‘Drachen-in-die- Welt-Sängerin’», begann er. 

«Ich bin sieben Mal um die Welt geflogen. Ich bin an verschiedenen Orten gelandet und habe die Erde studiert. Zum Glück waren das Einhorn und der Engel stets an meiner Seite. Sie lassen dich herzlich grüssen und lassen dir ausrichten, dass du gut zu mir schauen sollst.» 

Er zwinkerte mit seinen Augen und schlug mit dem Schwanz auf den Boden.
Die Frau legte ihre Hand auf das Herz des Drachens, die andere Hand auf ihr Eigenes und begann ein tief klingendes Lied zu summen. Sie sah, wie sich ihre beiden Herzen verbanden und grün smaragdenes Licht hin und her floss.  

«Ah, das tut so gut», sagte der Drache, «Deine Töne sind eine wunderbare Klangmassage. Sing bitte weiter.»

Als sie sang, sah sie Bilder vor ihrem inneren Auge. Zuerst sah sie, wie der kleine Drache in eine Höhle flog und von einem alten Mann unterrichtet wurde. Er wurde aufgefordert an traurige Orte zu gehen. Der Drache flog in grosse Städte, wo die Menschen eingepfercht in Käfigen lebten. Er flog in Gebiete, wo es Krieg und Hunger gab. Immer versuchte er, die Menschen auf sich aufmerksam zu machen, aber die meisten konnten ihn nicht wahrnehmen. 

Bis auf einen kleinen Jungen, der in einer grossen Stadt wohnte. Der Drache berührte sanft seine Schulter und der Knabe begann zu lächeln. Von da an zeichnete er immer Drachen und wollte später einmal ein Drachenreiter werden. Leider redeten ihm das seine Erwachsenen aus. 
Die Frau sah, wie er in abgelegene Wälder und versunkene Städte flog, alles genau beobachtete und inspizierte. Dann flog er zurück zum alten Mann in der Höhle und berichtete ihm, was er gesehen hatte. 

«Die Menschen sind en einem traurigen Zustand», berichtete er. «Aber ich sehe viel Freude und Liebe in den Menschen. Besonders dann, wenn sie sich mit ihren Kindern verbinden und spielen.  Die Last der Menschen ist schwer und viele haben ihr Herz verloren.»

«Ja genau so ist es», sagte der alte Mann. «Deine Aufgabe ist es, die Menschen an ihr inneres Leuchten zu erinnern. Gehe zu jenen Menschen, die dich rufen und singe ein Lied für sie. Etwas wird sich in ihnen verändern, du wirst es merken.» 

« Aber ich kann unmöglich für alle traurigen Menschen ein Lied singen», antwortete der Drache. 

«Nein, aber du bist nicht allein. Es gibt viele Drachen, die den Menschen Lieder ins Ohr summen. Durch die Lieder beginnen sie, aufzuwachen, sich an ihre Göttlichkeit und Kindlichkeit zu erinnern. So werden sie ihre grauen Schichten langsam loslassen können. Fliege nun zurück zu deiner Menschenmamma im Tal der Dracheneier. Ruhe dich aus und warte bis wir dich wieder rufen.»  

All das sah die Frau, während sie dem Drachen das Lied sang. Es schien ein besonders musikalischer Drache zu sein. Als sie geendet hatte, sah sie ihm tief in die Augen und sah eine Liebe, die von unbeschreiblicher Schönheit, Klarheit und Verbundenheit sprach. 

Sie streichelte ihn. 
So sassen sie da und warteten. 
In Stille. 

«Magst du mir deinen Namen verraten?», fragte die Frau. 
«Ja. Ich bin Josias.» 

Dann schwiegen sie wieder. 

Josias verbrachte einige Tage hinter der Pyramide im Tal der Dracheneier. Er ging oft im Bach baden, frass vom satten grünen Gras auf der Wiese, sang Lieder für die Frau und sie erzählten sich Geschichten. 

Am längsten Tag des Jahres entzündeten sie zusammen ein Feuer. Viele Wesen aus dem Wald und den Zwischenreichen kamen dazu. Gemeinsam webten sie eine Vision von Menschen, die in Frieden miteinander lebten. Die alten Geschichten von Neid und Eifersucht, Krieg und Hass wurden durch das Feuer in Liebe und Glück verwandelt.

In der Pyramide begann auf einmal ein goldenes Herz zu schlagen, welches Wellen schlug. Diese wurden in das Tal und über die ganze Erde ausgebreitet.  Ehrfürchtig blieben alle Wesen im Kreis um das Feuer und das goldene Herz stehen. Sie summten dazu leise ein Lied. Sie wussten zutiefst und mit ganzer Kraft, dass hier ein Lichtpunkt entstanden war, welcher helfen würde, die Erde und alle ihre Lebewesen, vom kleinsten bis zum grössten, zu heilen.
Am Tag danach kamen das Einhorn und der Engel, um Josias abzuholen. Auch wenn es traurig war, dass er sie nun verliess, wussten sie dennoch, dass sie über das goldene Herz in der Pyramide miteinander verbunden waren. E würde bestimmt zurückkehren.

Die Frau stand von der Bank auf und ging nach Hause, um ihren Morgenkaffee zu trinken.